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Fotos aus Sibirien von Michael Ebmeyer

© Michael Ebmeyer. Die Fotos entstanden während der Reise von Michael Ebmeyer im Sommer 2007.
Aus: Michael Ebmeyer: Der Neuling. S. 136f. © Kein & Aber 2008


Sibirien. Gornaja Schorija. Eine Heimat.
Die Welt, in der Ak Torgus Ahnen lebten, seit Jahrhunderten, Jahrtausenden. Die raue Weite, in der sie umherzogen und sich niederließen. Wo sie die Wege machten und dem Land die Namen gaben. Wo sie jagten und kochten und nähten, wo sie sangen und die zweisaitige Laute spielten und Schamanentrommeln bauten. Wo sie den Sommer feierten, dem strengen Winter trotzten und sich im Nebel zurechtfanden. Wo sie schorische Witze rissen und ihre Liebesnächte verbrachten. Wo sie ihre Kinder bekamen und ihre Toten beisetzten. Und wo sie wohl auch Eisenerz förderten, sonst hätten sie ja keine Legenden der Schmiedekunst werden können.
Die Taiga. Die tiefere Wildnis. Hier beginnt das Unermessliche, dachte Bleuel aufgeregt, und ein paar Schritte weiter vielleicht schon das Unerschlossene. Das, was kein Logistiker mit einplant. Das, was keine Staats- oder Sowjetmacht je wirklich zu fassen bekommen hat.
»Schau mal, Motja, ein Geist.«
Er schrak zusammen, denn er hatte nicht bemerkt, dass Artjom wieder so dicht hinter ihm war. Der Dolmetscher deutete auf den Stamm einer Zeder, in den man ein langes Gesicht mit streng verzogenem Mund geritzt hatte. Sonja trat hinzu, die Kamera baumelte ihr am Handgelenk, und sie sagte, solche Gesichter seien Geister, die den Jägern Glück brächten. Bleuel näherte sich, streckte den Arm aus und berührte dann doch nicht die Rinde, sondern blickte an dem Stamm vorbei auf die Bäume in der Umgebung, die sich, zerzaust oder verdreht, aus undurchdringlichem Farngebüsch im schimmernden Dunst erhoben. Schien nicht jeder dieser Bäume selbst ein Geist zu sein? Birkengespenster, Zederndämonen. »Da bin ich«, flüsterte er, und: »Lasst euch nicht stören.« Die Geschwister waren weitergegangen. Ehe Nebel und Vegetation die Wandergruppe ganz verschluckt hatten, riss er sich los und stapfte hinterher.
Der Quellbach tänzelte durch ein Bett aus dunklen, flach gewaschenen Steinen, und Bleuel fühlte sich wie im Märchenwald. Der bemooste, glucksende Pfad, das Dickicht ringsum, die beseelten Silhouetten der Bäume, die, so kam es ihm vor, jeden Augenblick aus ihrer Starre erwachen konnten. Hier ein riesiges, tropfenbehangenes Spinnennetz, da ein wimmelnder Ameisenhaufen. Hin und wieder sprang eine Blüte leuchtend gelb oder rosa aus dem tiefen Grün der Farne und Kräuter hervor. Und immerzu das Wasser in seinem Lauf über tausend verwinkelte Stufen. Doch gerade als der Neuling so weit war, dass er über dem Bachrauschen das Geschnatter der Gruppe völlig auszublenden, sich ganz dem Zauber der verwunschenen Landschaft hinzugeben vermochte, änderte sich die Szenerie schlagartig.
Der Wald war einem riesigen Geröllfeld gewichen. Was hieß Geröll, manche der Brocken waren so groß wie Autos. Scharfkantig und mit hellen Flechten übersät, schillerten sie im bleichen Licht fast neongelb.

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