Das Paradies ist weiblich

Das Paradies ist weiblich. 20 Einladungen in eine Welt, in der Frauen das Sagen haben

Tanja Raich

»Es geht nicht um das Umkehren von Hierarchien, sondern um das Infragestellen derselben.« Mithu Sanyal

Ständig reden wir vom Patriarchat. Was es verantwortet, zerstört und verhindert. Doch was genau würde sich verändern, wenn tatsächlich Frauen unser Leben regeln? Wäre die Welt eine gerechtere, liebevollere, bessere? In 20 Originalbeiträgen gehen deutschsprachige Autor:innen diesen Fragen auf den Grund und beleuchten mal literarisch, mal essayistisch zahlreiche Lebensbereiche: die Familie, den Beruf, die Erziehung, den Journalismus, aber auch die Namensgebung oder die Superheld:innen in Comics. Die Texte sind hoffnungsvoll, ratlos, sie kehren um, sie überspitzen, überhöhen, sie dekonstruieren, aber sie zeigen in ihrer unglaublichen Bandbreite vor allem eines: Wir befinden uns gerade im Umbruch. Mit Beiträgen von Shida Bazyar, Mareike Fallwickl, Linus Giese, Kübra Gümüşay, Simone Hirth, Gertraud Klemm, Julia Korbik, Miku Sophie Kühmel, Kristof Magnusson, Nicolas Mahler, Barbara Rieger, Emilia Roig, Jaroslav Rudiš, Mithu Sanyal, Tonio Schachinger, Margit Schreiner, Anke Stelling, Sophia Süßmilch, Philipp Winkler und Feridun Zaimoglu.

Format

  • Tanja Raich – Das Paradies ist weiblich. 20 Einladungen in eine Welt, in der Frauen das Sagen haben
    Sachbuch

    Hardcover
    256 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5870-5

    22. Februar 2022
    24,00 EUR

Leseprobe

TANJA RAICH
VORWORT

Ständig reden wir vom Patriarchat. Was es zerstört hat und weiter verhindert. Wir rufen das Ende aus, immer wieder aufs Neue, doch wir stecken noch zutiefst mittendrin, auch wenn es bröckelt, auch wenn es wankt. Es ist höchste Zeit, sich mit Alternativen zu beschäftigen. Es ist höchste Zeit, über eine Welt zu sprechen, in der Frauen das Sagen haben!
Das Matriarchat wird meist als krasses Gegenteil zum Patriarchat herbeibeschworen: männermordende Amazonen, skrupellose Herrscherinnen, die Männer unterdrücken, im Prinzip ein Mittelalter mit vertauschten Rollen. Oder wir begeben uns in verklärende Utopien, denen zufolge die Lösung all unserer Probleme im Matriarchat läge: Wären Frauen endlich an der Macht, wäre alles anders, alles besser, befänden wir uns im »weiblichen Paradies«. Doch zwischen den Dystopien und Utopien wird oft vergessen, dass es Matriarchate bereits gibt, etwa im chinesischen Mosuo oder im mexikanischen Juchitán, und dass es selbst in der Tierwelt spannende Formen von Geschlechterrollen und des matriarchalen Lebens gibt. Was strukturell gesetzt scheint, was gesellschaftlich als »Normalität« gilt, ist keineswegs naturgemäß oder unveränderlich, wir können alles infrage stellen, die Spielregeln verändern, wir können die Gesellschaft neu arrangieren, wir müssen es nur tun.
Im Wort Matriarchat steckt genauso wie im Patriarchat das Wort archē, ein Wort aus dem Altgriechischen. Es bedeutet Herrschaft, ja, aber es bedeutet auch Anfang, Ursprung und Ursache. Vielleicht könnte es darum gehen, wenn wir über das Matriarchat sprechen: um den Anfang, um Ursachen, um unseren Ursprung, aber vor allem: um den Aufbruch und den Beginn von etwas Neuem.
»Utopien sind keine naiven Spinnereien. Ganz im Gegenteil. Utopien sind die hoffnungsvollen Vorstellungen, die uns in eine bessere, gerechtere Zukunft treiben«, schreibt Emilia Roig. Utopien können Wunschvorstellungen visualisieren, Dystopien unsere Angstvorstellungen realisieren. Beides findet sich in diesem Band, manche Texte gehen weiter, verweigern sich oder stellen Grundsätzliches infrage. Zwanzig Autor:innen haben sich auf diese Reise eingelassen, haben verschiedenste Blickwinkel eingenommen, um über ein mögliches Matriarchat und – damit einhergehend – über unsere Gesellschaft nachzudenken. Wie sehen real existierende matriarchale Gesellschaften aus? Wie ist der Stand der Matriarchatsforschung, und warum hat sich das Matriarchat nicht durchgesetzt? Wie sieht das ganz persönliche Matriarchat aus, wie soll es nicht aussehen, und: Welche anderen Gesellschaftsformen wären jenseits von binären Geschlechtsvorstellungen denkbar? Die Texte sind vielstimmig und aufrüttelnd in ihrer Suche und in ihren Antworten.
Ausgehend von theoretischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen in den Texten von Mithu Sanyal, Barbara Rieger und Emilia Roig, führen uns Feridun Zaimoglu, Kübra Gümüşay und Mareike Fallwickl in Szenerien dystopisch-utopischer Auswüchse, mit Philipp Winkler zweigen wir ab zu den Superheld:innen, während Gertraud Klemm uns in die Tierwelt bringt, Simone Hirth sich mit dem Literaturkanon beschäftigt. Wir folgen Tonio Schachinger, Shida Bazyar und Sophia Süßmilch ins ganz persönliche Matriarchat, und schlussendlich bringt uns Linus Giese in sein Queertopia. Die Formen, die die Autor: innen gewählt haben, sind genauso divers wie die Themen, die sie umreißen: Ein Reigen aus Literaturkritiken ist genauso zu finden wie Briefe und Abrechnungsschriften, ein Dramolett und ein Comicstrip. Die Texte sind ratlos, zynisch, hoffnungsvoll, sie kehren um, sie überspitzen, überhöhen, sie dekonstruieren, aber sie zeigen in ihrer unglaublichen Bandbreite vor allem eines: Wir befinden uns gerade im Umbruch.

 

MITHU SANYAL
WELCHES MATRIARCHAT HÄTTEN SIE DENN GERN?

Vor einer Weile wurde ich von einem Magazin um einen Artikel mit dem Arbeitstitel »Frauen an die Macht! Liegt das Heil im Matriarchat?« gebeten. Das Problem war nur, je länger ich auf den Titel starrte, desto weniger fiel mir dazu ein. Denn in diesem Titel war keine Frage, sondern eine Sehnsucht versteckt. Kleines Logik-Abc: a.) Wäre die Welt ein besserer Ort, wenn Frauen an der Macht wären? b.) In Matriarchaten herrschen Frauen. Also ergibt c.) Wäre die Welt ein besserer Ort, wenn wir im Matriarchat lebten? Dabei ist die Frage doch: Herrschen in Matriarchaten wirklich die Frauen?
Für Simone de Beauvoir war die Sache klar: »Die Gesellschaft war immer männlich beherrscht.« Damit verwarf sie die Matriarchatsutopien, die durch linke Theorien als Gegenentwurf zum Patriarchat geisterten. Jetzt wäre es natürlich hilfreich zu wissen, wovon wir sprechen, wenn wir von Matriarchaten sprechen, und – da wir gerade dabei sind – warum wir überhaupt davon sprechen.
Angefangen hatte alles mit einem Schweizer, dem Rechtshistoriker Johann Jakob Bachofen, der 1861 seinen Bestseller Das Mutterrecht veröffentlichte. Überraschenderweise verwandte Bachofen darin das Wort Matriarchat kein einziges Mal – es existierte noch gar nicht. Dafür tat er etwas, was bis zu diesem Zeitpunkt in der Altertumsforschung undenkbar gewesen war: Er erklärte, dass die Geschlechterrollen nicht immer so waren wie zu seiner Zeit. Die Menschheit habe vielmehr vier Phasen durchlaufen: zuerst den Hetärismus, in dem alle mit allen Sex hatten, weshalb die Abstammung über die Mütter lief, weil die Männer nicht wussten, welche Kinder von ihnen waren. Doch, so fährt Bachofen fort: »Durch des Mannes Missbrauch entwürdigt, fühlt das Weib die Sehnsucht nach einer gesicherten Stellung und einem reineren Dasein.« Aha? Anyway, weiter im Text: Deshalb würde das Weib in der zweiten Phase der Menschheit als Amazone gegen den Mann kämpfen, was schließlich die dritte Phase einleitete, die Gynaikokratie oder Frauenherrschaft. Bachofen betrachtete das als eine Art Evolution der Gesellschaftsordnungen, an deren Zielpunkt er die Ablösung des weiblich- stofflichen Prinzips durch das männlich-geistige setzte und damit die Zivilisation. So erstrebenswert er diese vierte Phase auch fand, beschrieb er die Frauenherrschaft dennoch als die erfreulichere Zeit, weil er Frauen für die moralischeren Menschen hielt: mütterlich und nährend und mit einer instinktiven Religiosität.
Bachofens Abhandlung fand enorme Resonanz, am prominentesten in Friedrich Engels Buch Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates, das dieser in nur zwei Monaten herunterschrieb und in dem er die Idee der Ursippe entwickelte, die in einer Art Urkommunismus lebte. »Kommunistischer Haushalt bedeutet aber Herrschaft der Weiber im Hause«, führte Engels in völliger Übereinstimmung mit der Geschlechterzuschreibung Frau/Haus und Mann/Öffentlichkeit aus. Und auch Engels kannte nur zwei klar voneinander getrennte, ja sich in gewisser Weise diametral gegenüberstehende Geschlechter. Der paradiesische Zustand der Weiberherrschaft hielt an, bis die Männer mit zunehmender Arbeitsproduktivität das Bedürfnis entwickelten, ihren Besitz an ihre leiblichen Kinder zu vererben, und begannen, die Fruchtbarkeit der Frauen durch die monogame Ehe zu kontrollieren. Ergo die Entstehung von Statusunterschieden, Klassen und schließlich Staaten. Daran ist eine Menge bemerkenswert, nicht zuletzt, dass auch Engels fest an die höhere weibliche Moral, vor allem Sexualmoral glaubte. Während noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts Frauen als das unmoralische Geschlecht galten, auf das alle Übel der Welt zurückgingen, angefangen mit der Vertreibung aus dem Paradies, gab es nun die Vorstellung eines matriarchalen Paradieses vor dem Sündenfall Patriarchat. Die Voraussetzung dafür war, dass in der späten Aufklärung, als sich die reale Stellung der Frauen ihrem Tiefpunkt näherte, ihnen stattdessen eine ideelle Position angeboten wurde: die der Hüterin der moralischen Flamme für den Mann, dessen brillanter Geist oder rohe Körperkraft ihn schon mal auf Abwege führen konnten.
Nun ist jede Forschung durchdrungen von den Ideologien und Vorstellungen ihrer jeweiligen Entstehungszeit, doch bei der Matriarchatsforschung ist das besonders eklatant, da es sich dabei um Vorstellungen von Geschlechter »identitäten« handelt. Der Begriff selbst wurde Ende des 19. Jahrhunderts als Gegenbegriff zum Patriarchat entwickelt. Patriarch ist ein hoher kirchlicher Amtstitel und setzt sich aus dem griechischen patriā, »Abstammung, Geschlecht« (vergleiche auch patēr, »Vater«) und archē, »Herrschaft« zusammen. Der Stammvater Israels (und des Islams) war der Patriarch Abraham, der seinen Bund mit Gott schloss und daraufhin dessen Offenbarung an die Gemeinde weitergab. Somit konnte nicht einfach jeder in direkten Kontakt zu seinem Gott treten, sondern war auf einen Experten, einen Patriarchen angewiesen. Das Matriarchat als Spiegelbild dazu – mit Frauen in den religiösen und politischen Schlüsselpositionen – unterschied sich nur durch einen als irgendwie mütterlich imaginierten Herrschaftsstil.
Dass es das so nie gegeben hat, ist der einzige Punkt, an dem sich Matriarchats-forscher:innen und Gegner:innen einig sind. Danach wird es spannend. Es ist richtig, dass man ein steinzeitliches Matriarchat mit archäologischen Mitteln weder beweisen noch widerlegen kann – doch gilt das genauso für das Patriarchat. Die berühmten Funde, wie die Venus von Willendorf oder die Göttin auf dem Leopardenthron aus Çatalhöyük, belegen, dass Frauen definitiv eine wichtige Rolle in der symbolischen Ordnung gespielt haben – nur welche? Inzwischen haben wir genügend Skelette von Kriegerinnen, um zu belegen, dass zumindest die mythologischen Amazonen keineswegs mythologisch, sondern sehr real waren. Das einzig Mythische – sprich: frei Erfundene – an ihnen war, dass sie sich eine Brust abschnitten, um besser Bogenschießen zu können. Bogenschießen: ja. Aber beide Brüste da. Doch wir wissen nichts über ihre faktische Macht in den sozialen Verhältnissen, über die wir ebenfalls nahezu nichts wissen. Doch was heißt hier überhaupt Macht? Die bekannteste Definition stammt von Max Weber. Er bezeichnet sie als die »Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen«. Indes müssen wir gar nicht bis in die Frühgeschichte zurückgehen, um Gesellschaften zu finden, die ein deutlich anderes Verständnis von Macht haben.
Die Minangkabau in Indonesien beispielsweise, die sich selbst als Matriarchat bezeichnen (von niederländisch matriarchaat), sind stolz darauf, dass ihr ungeschriebenes Recht, das jahrtausendealte Adat, die erste wahre Demokratie der Welt darstellt. Mit einem kleinen Unterschied: Wo Demokratie die Herrschaft der Mehrheit ist, basiert das Adat auf der Konsensethik. Das bedeutet eine Menge Diskussionen, denn Entscheidungen werden nur getroffen, wenn alle damit einverstanden sind. Aber auch: Die Fähigkeit, überhaupt über Bedürfnisse und Ansichten zu verhandeln und dabei die Bedürfnisse aller – und nicht nur die der Mehrheit – zu berücksichtigen. Da die Minangkabau mit mehreren Millionen Menschen die größte nicht-patriarchale Gruppe der Welt sind, geschieht dies über ein ausgeklügeltes System von regionalen und nationalen Räten in einem unglaublich aufwendigen und keineswegs immer friedlichen Prozess. Jedoch wird das Ergebnis dieser Verhandlungen dann auch wirklich von jedem Mitglied der Minangkabau mitgetragen, weil sich darin der Wille aller spiegelt. Ähnliches beschreibt der Philosoph Kwasi Wiredu für seine Volksgruppe, die Dogon in Westafrika: »Die Mehrheit ist keine ausreichende Basis zur Entscheidungsfindung und darf nicht das alleinige Recht auf Repräsentation haben. Denn repräsentiert zu sein ist ein Grundrecht.« Wenn Werte wie Repräsentation – und damit einhergehend Respekt und Ausgleich – im Zentrum einer Gesellschaft stehen, und deren Verstoß geahndet wird, gestaltet sich das Zusammenleben tatsächlich ethischer, ohne dass ihre Mitglieder – Frauen, Männer und alle weiteren Geschlechter – bessere Menschen sein müssen.

 

Autorin

Tanja Raich wurde 1986 in Meran (Italien) geboren und lebt als Lektorin und Autorin in Wien. Ihr Debütroman Jesolo ist im März 2019 erschienen und ...

mehr zur Autorin

Presse

Der Freitag

»Lesenswerter Sammelband.«

Falter

»Eine spannende Reise.«

Woman

»Spannender Ansatz!«

Der Standard Podcast "Lesezeichen"

»Wirklich hochkarätige Autor*innen.«

ORF Ö1

»Das [Buch] ist sehr interessant, auch manchmal sehr unterhaltsam und regt auf jeden Fall zum Nachdenken an.«

Die Presse

»Wie konstruktiv Raichs Wut tatsächlich ist, zeigt sich nicht nur im Endprodukt, sondern auch in ihrer Herangehensweise.«

SWR 2

»Die 20 Texte sind so verschieden wie ihre Autor:innen. Lesenswert, anregend und klug.«

Falter

»Lehrreich und unterhaltsam.«

Oberösterreichische Nachrichten

»Eine kurzweilige wie abwechslungsreiche Auseinandersetzung mit dem Thema.«

Puls 4

»Es gibt essayistisches, aber auch die, die das Thema wissenschaftlich untermauern wollen, haben Freude daran. Man hat Spaß beim Lesen, es gibt viele sehr interessante Varianten.«

ORF Niederösterreich

»Lädt zum Nachdenken ein. Mustergültig zusammengestellte Texte.«

SPIEGEL Start

»[Die Autor*innen dieses Bandes] beschäftigen sich nicht mehr mit dem, was falsch läuft, sondern wofür feministisch denkende Menschen kämpfen. Eine gelungene Flucht aus dem männerdominierten Alltag.«

SWR2

»Die 20 Texte sind so verschieden wie ihre Autor:innen. Lesenswert, anregend und klug.«

Monopol

»Tapfere Ausblicke in eine weiblichere Zukunft. Das von Tanja Raich herausgegebene Buch ist ein facettenreiches Teleskop dazu.«

emotion

»20 schlaue Annäherungen.«

Kurier

»Ein Buch, das lange zum Nachdenken anregt.«

Amazed

»[Die Autor*innen] geben einen hoffnungsvollen, erwartungsvollen, aber auch kritischen Blick.«

Radio Darmstadt

»Die Anthologie mit ihren Gedankenexperimenten ist ein spannendes Lesebuch, das zum Weiterdenken und zu emanzipatorischem Handeln inspiriert.«

Kurier.at

»[Im Buch werden] Hierarchien generell auseinander genommen.«

an.schläge

»Das Buch motiviert Utopien zu denken, Alternativen zu suchen und den Aufbruch zu neuen Gesellschaftsformen voranzutreiben.«

Mathilde

»Interessante und unterschiedliche Perspektiven und Ideen zu anderen und möglichen sowie längst überfälligen Gesellschaftsformen.«