Inside Story. Ein Roman

Martin Amis

Martin Amis’ intimster Roman: Sex und Liebe, Familie und Freundschaft

Auslöser für Martin Amis’ bisher persönlichstes Werk war der Tod seines engsten Freundes Christopher Hitchens. Aus der tiefen und weitreichenden Freundschaft der beiden Schriftsteller entfaltet sich dieser autobiografische Roman. Christopher Hitchens war Martin Amis’ Mitstreiter und Berater, seit ihren Anfängen in London bis hin zu den Jahren des Literatur- Klatsches, der romantischen Verwicklungen und beunruhigenden Obsessionen. Während Inside Story auch anderen wichtigen Personen in Amis’ Leben nachspürt – darunter seinem Vater Kingsley Amis, seinem Idol Saul Bellow und dem Dichter Philip Larkin –, widmet sich die Geschichte zärtlich und humorvoll den schwierigsten Fragen: Wie lebt, wie trauert und wie stirbt man? Das Ergebnis ist ein Liebesbrief an das Leben, der Einblicke in die außergewöhnliche Welt des Schriftstellers eröffnet.

Format

  • Martin Amis – Inside Story. Ein Roman
    Roman

    Aus dem Englischen (UK) von Eike Schönfeld
    Hardcover
    Format: 14,5 x 21,5 cm , 656 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5883-5

    2. Dezember 2022
    40,00 EUR

  • Martin Amis – Inside Story. Ein Roman
    Roman

    Aus dem Englischen (UK) von Eike Schönfeld
    Ebook
    700 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9609-7

    2. Dezember 2022
    31,99 EUR

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Leseprobe

Präludium

Willkommen! Treten Sie doch näher – es ist mir eine Freude und eine Ehre. Kommen Sie, ich helfe Ihnen. Ich nehme Ihnen mal den Mantel ab und hänge ihn da hin (ach, hier geht’s übrigens zur Toilette). Setzen Sie sich auch gern aufs Sofa – dann können Sie selbst bestimmen, wie nahe Sie am Feuer sein wollen. Also, was möchten Sie gern? Einen Whisky? Nur vernünftig bei diesem Wetter. Und ich habe schon vorausgesehen, erahnt, was Sie brauchen … Einen Blended oder einen Malt? Macallan? Den 12 Jahre alten oder den 18? Wie möchten Sie ihn – mit Soda, mit Eis? Und ich hole noch ein Tablett mit Snacks. Damit Sie bis zum Abendessen durchhalten. … Hier bitte. Frohes 2016!

Meine Frau Elena ist gegen halb acht zurück. Und auch Inez kommt noch dazu. Genau – Betonung auf der zweiten Silbe. Im Juni wird sie siebzehn. Einstweilen sind wir auf nur ein Kind reduziert. Eliza, ihre ein wenig ältere Schwester – Eliza macht gerade ihr Gap Year in London, was ja auch ihre Heimatstadt ist (sie kam da zur Welt. Wie auch Inez). Jedenfalls hat Eliza, wie es der Zufall will, einen Besuch geplant – und gerade ist sie am JFK gelandet. Wir werden also zu fünft sein.
Elena und ich, wir sind noch nicht so weit, aber unser nächster Lebensabschnitt ist schon in Sicht. Ich meine das Empty Nest … In der durchschnittlichen Lebensspanne gibt’s nur ungefähr ein halbes Dutzend echte Wendepunkte, und das leere Nest scheint mir einer zu sein. Ich weiß auch noch gar nicht so recht, wie sehr ich mir Gedanken darüber machen soll. Etliche unserer Altersgenossen haben, als ihr letztes Küken ausgeflogen ist, binnen Minuten heftigste Nervenzusammenbrüche erlitten. Und allermindestens werden meine Frau und ich uns wie jenes Paar in Pnin fühlen, ganz allein in einem großen, zugigen alten Haus, das »nun an ihnen hing wie die schlaffe Haut und die schlackernden Kleider eines Idioten, der ein Drittel seines Gewichts abgenommen hatte« … Das hat Nabokov (einer meiner Helden) 1953 geschrieben.

Also, Vladimir Nabokov – der hatte jedes Recht und jede Berechtigung, sich an einem autobiografischen Roman zu versuchen. Sein Leben war nicht »merkwürdiger als Literatur« (diese Wendung ist so gut wie bedeutungslos), aber es war ungeheuer ereignisreich und mit geohistorischem Glanz durchwirkt. Man entkommt dem bolschewistischen Russland und sucht Zuflucht im Berlin der Weimarer Republik; man entkommt Nazi-Deutschland und sucht Zuflucht in Frankreich, das Hitler dann prompt überfällt und besetzt; man entkommt der Wehrmacht und sucht – und findet – Zuflucht in Amerika (damals war »Zuflucht« Teil der Definition Amerikas). Nein, Nabokov war ein ganz seltener Fall: ein Schriftsteller, dem Dinge richtiggehend widerfahren sind. Übrigens warne ich Sie jetzt schon, dass ich auf diesen Seiten das eine oder andere über Hitler zu sagen habe, auch über Stalin. Bei meiner Geburt 1949 war der Kleine Schnauzer vier Jahre tot, der Große Schnauzer (in unserem Hausblatt Daily Mirror war er weiterhin »Uncle Joe«) hatte noch vier Jahre vor sich. Ich habe zwei Bücher über Hitler und zwei über Stalin geschrieben, also habe ich rund acht Jahre in ihrer Gesellschaft zugebracht. Und wie ich sehe, gibt’s von beiden kein Entkommen.



Ich hatte nie das – zweifellos furchterregende – Vergnügen, VN persönlich zu begegnen, aber immerhin hatte ich einen denkwürdigen Tag mit seiner Witwe, Véra, schön, goldene Haut, Jüdin, was dazugesagt werden soll, und auch seinen Sohn habe ich kennengelernt, Dmitri Vladimirovich (ein extravagantes, verschwenderisches Wunderkind). Ich empfand es als doppelt traurig, als Dmitri vor drei, vier Jahren ohne Nachkommen starb. Dmitri war das einzige Kind der Nabokovs – 1934 in Berlin geboren und offiziell ein sogenannter Mischling … Beim Mittagessen im schweizerischen Montreux gingen Véra und Dmitri sehr liebevoll und reizend miteinander um. Über beide später mehr, in dem mit »Oktober« betitelten Abschnitt (er beginnt auf Seite 298). Ich hatte Véra ein Foto meines ersten Sohnes geschickt und eine zauberhafte Antwort von ihr erhalten, die ich natürlich verloren habe …

Ganz allgemein? Ach, ich bin ein lächerlich laxer und nachsichtiger Vater – worauf mich hinzuweisen meine Kinder immer wieder Anlass haben. »Du bist ein sehr guter Vater, Daddy«, vertraute mir Eliza mit acht oder neun Jahren an, als ich einmal allein für sie zuständig war: »Mummy ist auch eine sehr gute Mutter. Aber manchmal kann sie doch ein klein wenig streng sein.« Der Sinn ihrer Aussage war klar. Ich bin unfähig, Strenge zu verkörpern, geschweige denn sie durchzusetzen. Dazu bedarf es echten Zorns, und den empfinde ich so gut wie nie. Ich habe versucht, ein zorniger Vater zu sein, aber nur einmal und dann auch nur für sechs, sieben Sekunden. Nicht bei meinen Töchtern, aber bei meinen Söhnen, Nat und Gus (die jetzt um die dreißig sind). Einmal – da waren auch sie acht oder neun – kam ihre Mutter, meine erste Frau Julia, verzweifelt zu mir ins Arbeitszimmer und sagte: »Die sind heute unmöglicher als sonst. Ich habe alles versucht. Jetzt geh du mal hin!« Jetzt geh du mal hin, so die Andeutung, und nimm sie unter dein männliches Feuer. Also marschierte ich pflichtschuldig in ihr Zimmer und sagte mit erhobener Stimme:
»Also. Was zum Teufel ist hier los?«
»… Oh«, sagte Nat und hob träge die Brauen. »Jetzt kommt Dandys Zorn über uns.«
So viel also zum Zorn.
Ich halte eben nichts davon – vom Zorn. Die sieben Todsünden müssten zwar mal überarbeitet und aktualisiert werden, aber einstweilen sollen wir immer bedenken, dass Zorn rechtens in das klassische Septett gehört. Mit Zorn – cui bono? Bedauernswerter Zorn, bedauernswert diejenigen, die ihn verströmen, wie auch die, gegen die er sich richtet. Das englische anger: vom Altnordischen angre, »ärgern«, angr, »Kummer«. Ja – Kummer. Mit Zorn bestraft man sich selbst fast so offensichtlich wie mit Neid. Im Vaterbereich mache ich mich nicht des Zorns schuldig, die Todsünde aber, zu der ich mich bekennen muss, ist Trägheit – moralische Trägheit. Der Mutter mehr zu tun geben … Davor hatte ich Elena gewarnt, leicht flehentlich (schließlich war ich bei Inez’ Geburt fünfzig). Ich sagte: »Ich werde ein Vater emeritus sein« (d. h. »pensioniert, den Titel aber als ehrenhalber führen dürfend«). Allgemein also ein träger Vater, wenngleich ich diese Ehre schnell – und begierig und dankbar – annehme.

Vor drei Jahren hielt ich an der Schule meiner mittleren Tochter hier in Brooklyn, an der Saint Ann’s (an die auch Inez geht), einen Vortrag. Da war Eliza fünfzehn. »Das könnte peinlich werden, Dad«, sagte Gus (Sohn Nummer zwei), als ich mich anschickte, den Auftritt zu beschreiben, und sein älterer Bruder Nat sagte: »Definitiv. Jede Menge Raum für Peinlichkeiten dort.« »Einverstanden«, sagte ich. »Aber es war nicht peinlich. Eliza war es nicht peinlich. Und ich kann’s beweisen. Hört zu.«
Die Aula der Schule war ein nahe gelegenes, vielleicht sogar angrenzendes Gotteshaus – eine echte (protestantische) Kirche mit poliertem Hartholz und Buntglas. Ich stand auf der Kanzel und blickte in eine große Gemeinde aus feuchten jungen Gesichtern (ich glaube, alle Neuntklässler hatten Anwesenheitspflicht); auf diesen Gesichtern lag eine gewisse »empfindsame Erwartung« (wie Lawrence es auf den ersten Seiten von Liebende Frauen über Gudrun und Ursula sagt), als ich das Mikrofon antippte, sie begrüßte, mich vorstellte und fragte: »Also, wie viele von euch haben schon einmal daran gedacht, Schriftsteller oder Schriftstellerin zu werden?« Und die Anzahl der Hände, die hochgingen, verrate ich gleich. Ich fuhr fort: »Nun ist es ja so, dass gerade ihr ziemlich genau wisst, wie es ist – Schriftsteller zu sein. Ihr steht am Anfang oder in der Mitte eurer Teenagerjahre. Genau das Alter, in dem man eine neue Stufe der Selbstwahrnehmung erreicht. Oder eine neue des Umgangs mit sich selbst. Als würdet ihr eine Stimme hören, die ihr seid, die aber nicht wie ihr klingt. Nicht ganz – es ist nicht die gewohnte, sie klingt artikulierter und feiner, nachdenklicher und auch spielerischer, kritischer (und selbstkritischer), aber auch großzügiger und nachsichtiger. Ihr mögt diese fortgeschrittene Stimme, und um sie zu bewahren, schreibt ihr auf einmal Gedichte, führt vielleicht ein Tagebuch, schreibt ein Notizbuch voll. In willkommener Einsamkeit sinniert ihr über eure Gedanken und Gefühle, manchmal auch über die Gedanken und Gefühle anderer. In der Einsamkeit. Das ist das Leben des Schriftstellers. Die Ambition beginnt jetzt, mit etwa fünfzehn, und falls ihr Schriftsteller werdet, verändert sich euer Leben nicht mehr groß. Ich mache es noch immer, ein halbes Jahrhundert später, tagaus, tagein. Schriftsteller sind stehengebliebene Heranwachsende, aber zufrieden stehengebliebene; sie genießen ihren Hausarrest … Euch erscheint die Welt merkwürdig: die Erwachsenenwelt, die ihr jetzt betrachtet, zwangsläufig mit Bangen, aber noch aus halbwegs sicherer Entfernung. Wie die Geschichten, die Othello Desdemona erzählt, die Geschichten, die ihr Herz eroberten, erscheint die Erwachsenenwelt als ›seltsam! Wundersam‹, aber auch ›rührend, unendlich rührend‹. Von dieser Prämisse entfernt sich ein Schriftsteller nicht mehr. Vergesst nicht: Als Jugendlicher ist man noch ein Kind, und ein Kind sieht Dinge voraussetzungslos und noch nicht abgesichert durch Erfahrung.« Zum Ende hin deutete ich an, dass Literatur sich im Wesentlichen mit Liebe und mit Tod beschäftigt. Weiter führte ich es nicht aus. Was weiß man mit fünfzehn schon von Liebe, von erotischer Liebe? Was weiß man mit fünfzehn vom Tod? Man weiß, dass er Wüstenspringmäusen und Wellensittichen widerfährt, vielleicht weiß man schon, dass er älteren Verwandten widerfährt, darunter auch den Eltern der Eltern. Aber man weiß noch nicht, dass er auch einem selbst widerfahren wird, das weiß man erst dreißig Jahre später. Und erst weitere dreißig Jahre danach steht man auch persönlich vor dem wirklich heftigen Problem, erst dann ist man gefordert, die schwierigste Haltung einzunehmen …
»Und woher willst du wissen«, fragte Nat schließlich, »dass es Eliza nicht peinlich war?«
»Genau, Dad«, fragte Gus, »wie willst du das beweisen?«
Ich sagte: »Weil Eliza, als es zu den Fragen kam, nicht als Erste redete, aber auch nicht als Letzte. Sie hat geredet, klar und vernünftig … Also hat sie mich nicht verleugnet. Sie hat mich anerkannt, kann ich voller Stolz sagen. Sie hat mich, kann ich voller Stolz sagen, als den Ihren angenommen.«
Oh, und als ich meine Zuhörer fragte, wie viele je daran gedacht hätten, Schriftsteller zu werden? Welcher Anteil hob die Hand? Mindestens zwei Drittel. Was zum ersten Mal überhaupt in mir den Ver[1]dacht weckte, dass der Drang zu schreiben nahezu universell ist. Was er doch wohl ist, meinen Sie nicht? Wie sonst soll man überhaupt mit dem Umstand der eigenen Existenz auf Erden zurechtkommen?

Autor

Martin Amis, geboren 1949 in Oxford, ist einer der bedeutendsten englischen Gegenwartsautoren. Er ist der Verfasser von vierzehn Romanen, zwei Kurzgeschichtensammlungen und sechs Sachbüchern. Für ...

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Monsieur

»Ein überbordendes, manchmal chaotisches und immer faszinierendes Werk.«