Der Andere

Der Andere

Pippo Pollina

Ein Geheimnis, das zwei Leben für immer verändert

Leonardo Conigliaro, von Familie und Freunden Nanà genannt, ist Arzt in Camporeale, einem sizilianischen Dorf, in dem die ehrenwerte Gesellschaft und die Mafia seit jeher eine bedeutende Rolle spielen. Frank Fischer, in Wolfsburg von einer alleinerziehenden Mutter großgezogen, ist ein aufsteigender Stern am deutschen Journalistenhimmel und bekannt für seine Investigativrecherchen. Beide Männer sind Ende der 1950er-Jahre geboren, haben aber keinerlei weitere Berührungspunkte, bis Nanà ein lange Zeit gut gehütetes Geheimnis lüftet und eine alte Familienschuld bei ihm eingefordert wird. Im wiedervereinten Deutschland prallen Franks und Nanàs Wege unausweichlich aufeinander und verlangen eine Entscheidung, die ihre beiden Leben für immer verändert.

Format

  • Pippo Pollina – Der Andere
    Roman

    Aus dem Italienischen von Christine Ammann
    Hardcover
    336 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5894-1

    15. November 2022
    25,00 EUR

  • Pippo Pollina – Der Andere
    Roman

    Aus dem Italienischen von Christine Ammann
    Ebook
    336 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9610-3

    15. November 2022
    18,99 EUR

Leseprobe

Camporeale, Januar 1988

FRAGMENT EINS

Im sanften Abendlicht nahm ich Kurve um Kurve, der Monte Iato rückte unaufhaltsam näher, und als es plötzlich nach Eukalyptus roch, wusste ich, dass es bis nach Hause nicht mehr weit war. Ich zuckelte hinter einem Traktor her, der Rauchwölkchen in den Himmel stieß, und hatte Zeit, die Hügellandschaft zu betrachten, Korn und Melonen sprossen neben nackten Rebstöcken, selbst im Winter tanzten Grün und Braun über die Felder, und sehnsüchtig dachte ich an den Kaffee, den ich mir gleich bei Don Calogero an der Piazza genehmigen würde. Über den Kaffee in Palermo konnte man nicht meckern, aber an den in Maciddaru – wie Camporeale im Dorf genannt wurde – kam er nicht heran. Don Calogeros Arabica-Mischung duftete einmalig und spielte gekonnt mit der Note des Abgangs. Manchmal träumte ich von einem kleinen, typischen Wiener Kaffeehaus, mit runden, schwarzen Holztischchen, Jugendstilstühlen wie im alten Caffè Caflisch in Palermo, Kellnern mit Fliege und cremeweißem Frack. In Wahrheit arbeitete ich als angehender Arzt in einer Praxis im Zentrum von Palermo und konnte mich wirklich nicht beschweren. Ab und zu kam ein Rentner   vorbei, der auf der Treppe gestürzt war, oder ein Zwölfjähriger mit gebrochenem Arm, der das Moped seines großen Bruders stibitzt hatte. Klar, Unangenehmes gab es auch. Etwa der junge Mann mit der Schussverletzung und durchtrenntem Bizeps, der hereingerannt kam und rief: »Los, dalli, dalli.« Ich sagte kein Wort, aber unser Blick erzählte die Geschichten und Schicksale von Generationen. Mamma hatte es schon immer gesagt: »Such dir ne Stadtwohnung, jetzt, wo du verdienst.« Vielleicht hatte sie recht. Das dachte ich jedenfalls, als der Traktor weiter stur vor mir hertuckerte, statt auf den Seitenstreifen auszuweichen. Doch dann kamen links der Wasserturm und das alte Dorf, soweit es das Erdbeben von 1968 überstanden hatte. Obwohl der Staat ein paar Kilometer weiter talabwärts moderne Mehrfamilienhäuser gebaut hatte, wohnten alle noch immer hier. Dort unten jagten die streunenden Hunde der Stille hinterher. An der Piazza saß Don Calogero vor der Tür, auf einem alten Holzstuhl, und sog begierig an seiner filterlosen Zigarette. Als er mich sah, erhob er sich, mit schmerzverzerrtem Gesicht, wie immer. Zu viele Jahre schon stand er hinter dem Tresen, vor sich wie einen Hochaltar die alte rote Gaggia für drei Portionen. »Ristretto oder normal?«, fragte er mich. Das war unser Ritual. Ob ich den Kaffee stark oder weniger stark trank, hing davon ab, wie viel ich zu Hause noch arbeiten musste. In einigen Wochen standen mir die schwierigen Facharztprüfungen bevor, die raubten mir den Schlaf. Heute war ein Ristretto-Tag. »Wie gehts, Don Calogero, alles gut?«, fragte ich. »Warum tu ich mir das überhaupt noch an? Mein Sohn ist in Bologna, meine Tochter in Vigevano, und ich bin bald dreiundsiebzig. Und wenn du wegziehst, für wen mach ich dann überhaupt noch Kaffee?« Flüsternd fügte er hinzu: »Es gefällt mir nicht, was hier momentan passiert. Es stinkt zum Himmel.« »Nun übertreibt mal nicht, Don Calogero«, beschwichtigte ich ihn. »Das sagt Ihr schon seit mindestens fünf Jahren, und Ihr seht, ich bin noch da. Und Ihr genauso, mit ein paar Zipperlein. Ich häng an unserem Dorf. Palermo ist schön, aber zu groß, der viele Verkehr, ich geh nicht weg, keine Sorge.« Don Calogero schwieg, ich blickte nach draußen. Die Piazza von Maciddaru lag halb leer in der Dämmerung. Nur ein paar Autos krochen den Hügel zum Friedhof hinauf. Dort lag mein Vater schon seit fünf Jahren. Meinen Uniabschluss hatte er nicht mehr erlebt. Ich war sein einziger Sohn, meine Schwester hatte nicht viel mit der Schule am Hut. »Sagt mal, Don Calogero, habt Ihr meinen Vater eigentlich gut gekannt?« Don Calogero blickte mich überrascht an. »Niemand hier hat deinen Vater wirklich gekannt. Als er damals aus Deutschland zurückkam, war er einfach nicht mehr derselbe. Don Vincenzo, kann ich dir irgendwie helfen?, hab ich gefragt. Er antwortete immer nur: Nein, wieso?« Offenbar wunderten sich im Dorf viele, warum Don Vincenzo Conigliari erst ins Land von Volkswagen emigriert und kaum ein Jahr später wieder zurück war. »Ich weiß noch genau, wie wütend Zio Rocco über seine Auswanderungspläne war«, sagte Don Calogero. »Jeden Morgen hörte ich: Was will der denn in Deutschland? Hier gibts doch Arbeit für Enzuccio! Aber auf dem Ohr war dein Vater taub, und eines Tages ist er einfach weggegangen, nach Wolfsburg.« Ich malte mir gerne aus, dass ihn die Sehnsucht in die Arme der Familie zurückgetrieben hatte, meine Schwester war noch klein, meine Mutter mit mir schwanger. »Man kann keinem in den Kopf schauen«, sagte Don Calogero. »Er war wieder da und basta. Wenn wir gefragt haben, wie es in Deutschland war, hat er nur gesagt: Kalt, das Essen schmeckt nicht. Vom Kaffee ganz zu schweigen.« »Tja, der Kaffee«, sagte ich und schaute Don Calogero an. »Wieso fragst du das jetzt, Nanà? Du kanntest deinen Vater doch?« Die Frage überraschte mich, ich überlegte, die Antwort fiel mir schwer. Nein, ich hatte meinen Vater nicht wirklich gekannt, auch mir gegenüber hatte er sich in düsteres Schweigen gehüllt. »Ich hab meine Zeit mit Lernen verbracht, Don Calogero, erst hier, dann am Gymnasium und später an der Uni in Palermo. Wie hätte es ihn gefreut, mich als Arzt zu sehen, aber er hat nicht mal mehr meinen Uniabschluss erlebt. Dabei hätte ich früher fertig sein können. Das werde ich mir nie verzeihen.« Don Calogero blickte mich wortlos an. Schließlich räumte er meine Tasse weg. »Der geht aufs Haus«, sagte er. »Salutamu, Don Calogero, und danke.« Den Kaffeegeschmack noch im Mund, schlenderte ich durchs Dorf nach Hause. Eines Morgens hatte mein Vater, mit blassem Lächeln auf den Lippen, tot im Bett gelegen … Das Herz, hieß es, nicht mal meine Mutter hatte etwas gemerkt. Ich erinnerte mich noch genau, wie er jeden Abend von unserem Getreideacker oder vom Weingarten nach Hause gekommen war. Die Coppola auf dem Kopf, die Hände so faltig wie Baumrinde, die Finger geschwollen, die Handflächen rissig, mit sonnengegerbtem Gesicht, dunkel wie Ebenholz, die Augen klein und unruhig. Nie ein einziges Wort, nie ein Lächeln zu viel. Ab und zu holte ihn sein Bruder, Zio Rocco, nach dem Abendessen ab, und sie spazierten zur Bar. Als Kind durfte ich sonntags manchmal mit, im Sommer sprang sogar ab und zu ein Ascaretto dabei heraus, mein Lieblingseis. Mein Vater und Zio Rocco hatten ein kompliziertes Verhältnis. Zio Rocco war Junggeselle geblieben und betrachtete mich als seinen Sohn. Aber Papa zog eine klare Grenze: Er durfte uns nicht in seine Angelegenheiten hineinziehen. Rocco Conigliaro gehörte zum Tacco-Clan in Camporeale, der zur Corleone-Mafia hielt. Damit wollte Papa nichts zu tun haben. Wenn die Sprache auf die Mafia-Mitglieder im Dorf kam, konnte allerdings selbst er seine Hochachtung nicht verhehlen. Irgendwann hatte er sich wohl entscheiden müssen, ob er seinem Bruder auf dem gesetzeswidrigen, riskanten Weg folgen oder Frau und Kinder vor einer Welt bewahren wollte, aus der es kein Zurück gab. Zur großen Enttäuschung von Zio Rocco und zur großen Erleichterung meiner Mutter entschied sich Papa für Letzteres, was seinem friedfertigen, zurückhaltenden Charakter entsprach. Zu seiner Entscheidung hatte vermutlich auch Donna Maria, meine Mamma, beigetragen. Sie stammte aus Ganci, einem Dorf in der Madonie, auf tausend Metern Höhe. Im Winter lag dort Schnee. Als Kinder hatten Francesca und ich oft die Sommer bei den Großeltern verbracht. Mammas Vater, Opa Giuliano, war in der Jugend Hirte gewesen. Er war zwar Analphabet, erzählte uns aber noch als Neunzigjähriger minutiös vom Zweiten Weltkrieg: Wie er sich nach der Kriegsgefangenschaft in Jugoslawien mit den anderen Soldaten zu Fuß, ohne Wasser, Lebensmittel oder warme Kleidung nach Hause durchschlagen musste. Er erinnerte sich haargenau an die achtunddreißig Tage Fußmarsch von Triest nach Ganci, an die Kameraden aus Molise und Kalabrien. Als Kinder verbrachten meine Schwester Francesca und ich die Sommer bei unseren Großeltern in Ganci, wo wir abends Wollpullis überziehen mussten, weil es so kühl wurde. Ich liebte meine Großeltern, aber langweilte mich dort unsäglich. In Maciddaru konnte ich mit Gaetano, Michele und Antonio durch die steilen Gassen streifen, in Ganci kannte ich keinen. Mit den Jahren besuchten wir das Heimatdorf meiner Mamma dann seltener. Als meine Großeltern starben, wurde ihr Häuschen erst verrammelt und später verkauft. An diesem Abend saß Donna Maria wie gewohnt am Fenster und wartete auf mich. »Nanà, die Polpette al sugo sind noch warm«, empfing sie mich. Ich setzte mich an den Tisch. Francesca fläzte auf der Couch und sah fern. Der Wandel der Generationen hätte nicht sichtbarer sein können. Während Mamma stickte, schielte sie immer wieder ungläubig zu Francesca hinüber, die auf den Röhrenfernseher starrte, gefesselt von zwei jungen, knapp bekleideten Tänzerinnen, die lasziv in die Kamera blinzelten. Tagein, tagaus saß sie vorm Fernseher, und wenn meine Mutter oder ich Kritik äußerten, verfiel sie in Schimpftiraden. Ich machte mir Sorgen, und sie tat mir auch leid. Sie hatte sich in Pietro Marino verliebt, einen Handlanger des Tacco-Clans. Er saß im Ucciardone-Gefängnis in Palermo, weil man ihn beim Drogenhandel erwischt hatte. Jeden Samstagmorgen besuchte sie ihn und strahlte danach den Rest des Tages. Donna Maria hatte ihr Leben lang darum gekämpft, dass ihr Mann sich von Verbrechern fernhielt, und jetzt hatte ausgerechnet ihre Tochter einen Narren an einem Kleinkriminellen gefressen. Dennoch hütete sie sich davor, sich einzumischen. Das Verhältnis zu ihrer Tochter war ohnehin schwierig. An diesem Abend schaltete Francesca den Fernseher früher aus als sonst und verschwand wortlos in ihrem Zimmer. »Wie weit bist du, Mamma?«, fragte ich und zeigte auf die Decke, die sie seit Wochen bestickte. All ihre Wünsche und Sorgen flossen mit der emsigen Bewegung ihrer Hände in die Arbeit ein. »Ich werde wohl noch ein paar Wochen brauchen. Schau dir die Vorlage an, alles haarfein, der Adler wird perfekt. Aber ich werd mir noch die Augen verderben. Und mir fehlt die Zeit.« »Dann nimm sie dir doch einfach! Oder gibt es ein Problem?« »Ob es ein Problem gibt? Schau dir deine Schwester an. Was sollen wir bloß mit ihr machen?« »Wenn ich meinen Facharzt hab und die Praxis im Dorf aufmache, kann Francesca die Verwaltung übernehmen. Pietro muss doch drei Jahre sitzen. Glaubst du wirklich, sie fährt so lange zum Ucciardone, nach Palermo?« »Aber er ist doch in ein paar Monaten schon wieder draußen, Nanà. Zio Rocco hat das in die Hand genommen.« Verblüfft blickte ich meine Mutter an. »Hat Francesca ihn darum gebeten?« »Ja. Er setzt über die Taccos alle Hebel in Bewegung, bis nach ganz nach oben. Polizeibeamte und sogar Richter.« »Mamma, wir müssen uns da raushalten! Ich will nichts mit diesen Leuten zu tun haben!« »Dann sag das mal deiner Schwester.« Mamma ließ ihre Stickerei nicht aus den Augen. »Es ist eh zu spät, Nanà!« Nichts konnte sie von dem gespannten Stück Stoff in dem runden Holzrahmen, über das ihre flinken Finger mit der Nadel auf- und abfuhren, ablenken. Die traditionelle Stickkunst hatte sie von ihrer Mutter gelernt. »Geh schlafen, um halb sieben klingelt dein Wecker«, beendete sie das Gespräch.

Autor

Pippo Pol­li­na, geboren 1963 in Palermo, besuchte das Konservatorium und studierte Rechtswissenschaften. Er en­ga­gierte sich früh in der An­ti­ma ...

mehr zum Autor

Kalender

11. Dezember 2022 Pippo Pollina - Signierstunde in Winterthur Orell Füssli, Marktgasse 41, 8400 Winterthur
17. Dezember 2022 Pippo Pollina - Lesung in Bern Orell Füssli Stauffacher, Neuengasse 25-37, 3011 Bern
10. Januar 2023 Pippo Pollina & Thomas Sarbacher - Lesung mit Musik Allensbach, Gnadenkirche
11. Januar 2023 Pippo Pollina & Thomas Sarbacher - Lesung mit Musik Augsburg, Parktheater im Kurhaus Göggingen
12. Januar 2023 Pippo Pollina & Thomas Sarbacher - Lesung mit Musik Rosenheim, Ballhaus
13. Januar 2023 Pippo Pollina & Thomas Sarbacher - Lesung mit Musik Karlsruhe, Tollhaus
14. Januar 2023 Pippo Pollina & Thomas Sarbacher - Lesung mit Musik Vellmar, Kulturhalle Niedervellmar
15. Januar 2023 Pippo Pollina & Thomas Sarbacher - Lesung mit Musik Kaarst, Albert-Einstein-Forum
16. Januar 2023 Pippo Pollina & Thomas Sarbacher - Lesung mit Musik Frankfurt, Alte Oper
17. Januar 2023 Pippo Pollina & Thomas Sarbacher - Lesung mit Musik Stuttgart, Theaterhaus
24. Januar 2023 Pippo Pollina & Mike Müller - Lesung mit Musik Kaufleuten, Zürich
25. Januar 2023 Pippo Pollina & Mike Müller St. Gallen, Tonhalle
27. Januar 2023 Pippo Pollina & Mike Müller Bern, Casino
28. Januar 2023 Pippo Pollina & Mike Müller Baden, Kurtheater
29. Januar 2023 Pippo Pollina & Mike Müller Chur, Marsoel
05. März 2023 Pippo Pollina & Konstantin Wecker - Lesung mit Musik Köln, E-Werk
09. März 2023 Pippo Pollina & Mike Müller Basel, Volkshaus
10. März 2023 Pippo Pollina & Mike Müller Biel, Theater
12. März 2023 Pippo Pollina & Mike Müller Winterthur, Theater

Presse

Kulturtipp

»Pollina erzählt flott, mit spürbaren Bezügen zur eigenen Biografie sowie Zeit- und Lokalkolorit.«

Bote

»Allgegenwärtig ist in "Der Andere" die Melancholie des Erinnerns. Es gelingt dem Autor, eine Ahnung davon zu vermitteln, was es bedeutet, wenn von der Heimat nichts mehr bleibt als der Blick zurück.«